Der schlimmste Feind
Kurt Tucholsky · 1890–1935
34 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1929
Für Ernst Toller
Der schlimmste Feind, den der Arbeiter hat,das sind nicht die Soldaten;es ist auch nicht der Rat der Stadt,nicht Bergherrn, nicht Prälaten.Sein schlimmster Feind steht schlau und kleinin seinen eignen Reihn.
Wer etwas diskutieren kann,wer einmal Marx gelesen,der hält sich schon für einen Mannund für ein höheres Wesen.Der ragt um einen Daumen kleinaus seinen eignen Reihn.
Der weiß nichts mehr von Klassenkampfund nichts von Revolutionen;der hat vor Streiken allen Dampfund Furcht vor blauen Bohnen.Der will nur in den Reichstag hineinaus seinen eignen Reihn.
Klopft dem noch ein Regierungsratauf die Schulter: „Na, mein Lieber …“,dann vergißt er das ganze Proletariat –das ist das schlimmste Kaliber.Kein Gutsbesitzer ist so gemeinwie der aus den eignen Reihn.
Paßt Obacht!Da steht euer Feind,der euch hundertmal verraten!Den Bonzen loben gern vereintNationale und Demokraten.Freiheit? Erlösung? Gute Nacht.Ihr seid um die Frucht eures Leidens gebracht.Das macht: Ihr konntet euch nicht befreinvon dem Feind aus den eignen Reihn.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Das Lächeln der Mona Lisa, S. 373-374, Rowohlt, Berlin, 1929
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der schlimmste Feind (Tucholsky)“, Fassung 3.443.548 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.
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