Zum Inhalt springen
Versbuch

Achtundvierzig

Kurt Tucholsky · 18901935

31 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1919

Siebzig Jahre ist das nun her.Siebzig Jahre wiegen so schwer.Schwarz-rot-goldene Fahnen flatterten,Vater Wrangels Musketen knatterten –Wofür?

Wie glühten die Herzen! wie glühten die Köpfe!Kampf! Kampf gegen die Bürgertröpfe,gegen die nickenden Zipfelmützen –Klatschen in trübe Fürstenpfützen –Und dann?

Der große Sieg in den siebziger Jahrenist uns verdammt in die Krone gefahren.Die Krone gleißte. Die Bürger krochen.Die treusten deutschen Herzen pochenim Proletariat.

Und dann? Die versprochenen herrlichen Zeiten!Und dann? Wir wollen gen Frankreich reiten!Und dann? Wir kämpfen gegen zwei Welten,Herz und Hirn haben den Deubel zu gelten –Jetzt sitzt er in Holland.

Wofür, mein Gott, hat die Freiheit geblutet?Wofür wurden Mütter und Mädchen geknutet?Spartakus! Deutsche! So öffnet die Augen!Sie warten, euch Blut aus den Adern zu saugen –Der Feind steht rechts!

Zerfleischt euch nicht das eigene Herz!Denkt an die Barrikaden im März –!Wir litten so viel.Wollen wir nicht endlich Weltbürger werden?Wir haben nur einen Feind auf Erden:den deutschen Schlemihl!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Fromme Gesänge, S. 45-46, Felix Lehmann, Charlottenburg, 1919
Digitalisat
de.wikisource.org — „Achtundvierzig“, Fassung 3.779.232 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Kurt Tucholsky

Alle Gedichte von Kurt Tucholsky ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Moderne und Expressionismus

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.