An einen garnisondienstfähigen Dichter
Kurt Tucholsky · 1890–1935
24 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1919
Du schlägst die kriegerisch-verstimme Leier,du singst von Haß und Blut und Pulverrauch –und heißt vielleicht nur Gottlob Emil Meier,sanft wölbt sich dir der Zwei-Terrassen-Bauch …Du singst vom Sturmangriff, von roten Hosen,von England-Haß, von Not und Schlachtengraus,vom Panjefeind und von den Erzfranzosen –Komm raus!
Komm einmal raus! Besieh dir das persönlich –gewiß: es ist nicht immer ideal,mitunter gehts im Kriege ganz gewöhnlichund schmutzig zu – besiehs dir nur einmal.Nein! das genügt noch nicht: du mußt es auch erleben,zieh an die schlichte Farbe unsres Graus.Mach mit! Wir woll’n dir fünf Mark dreißig geben –Komm raus!
Vielleicht wirst du dann endlich, endlich lernen:Wer seine Pflicht tut, kämpft und steht und schweigt.Steigt auch der Ruhm der Kameraden zu den Sternen –sieh nur, wie lautlos und wie still das steigt!Doch ziehn wir später einmal (Gott mag wissen,wann das geschieht), zurück, sind Leid und Wirrsal aus:dann, Meier, wollen wir dich gerne missen!Dann bleib zu Haus!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Fromme Gesänge, S. 21, Felix Lehmann, Charlottenburg, 1919
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „An einen garnisonsdienstfähigen Dichter“, Fassung 3.779.426 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.