An Lukianos
Kurt Tucholsky · 1890–1935
28 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1919
Freund! Vetter! Bruder! Kampfgenosse!Zweitausend Jahre – welche Zeit!Du wandeltest im Fürstentrosse,du kanntest die Athenergosseund pfiffst auf alle Ehrbarkeit.Du strichst beschwingt, graziös und eiligdurch euern kleinen Erdenrund –Und Gottseidank: nichts war dir heilig,du frecher Hund!
Du lebst, Lucian! Was da: Kulissen!Wir haben zwar die Eisenbahn –doch auch dieselben Hurenkissen,dieselbe Seele, jäh zerrissenvon Geld und Geist – du lebst, Lucian!Noch heut: das Pathos als Gewerbeverdeckt die Flecke auf dem Kleid.Wir brauchen dich. Und ist dein Erbenoch frei, wirfs in die große Zeit!
Du warst nicht von den sanften Schreibern.Du zogst sie splitternackend ausund zeigtest flink an ihren Leibern:es sieht bei Göttern und bei Weibernnoch allemal der Bürger raus.Weil der, Lucian, weil der sie machte. –
So schenk mir deinen Spöttermund!Die Flamme gib, die sturmentfachte!Heiß ich auch, weil ich immer lachte,ein frecher Hund!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Fromme Gesänge, S. 1-2, Felix Lehmann, Charlottenburg, 1919
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „An Lukianos“, Fassung 3.779.454 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.
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