An die Meinige
Kurt Tucholsky · 1890–1935
25 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1919
Legt man die Hand jetzt auf die Gummiwaren?Erinnre, Claire, dich an deine Pflicht!Das geht nicht so wie in den letzten Jahren:Du bist steril, und du vermehrst dich nicht!
Wohlauf! Wohlan! zu Deutschlands Ruhm und Ehren!Vorbei ist nun der Liebe grüner Mai –da hilft nun nichts: du mußt etwas gebären,einmal, vielleicht auch zweimal oder drei!
Wir Deutschen sind die Allerallerersten,voran der Kronprinz als Eins-A-Papa.Der Gallier faucht – wir haben doch die mehrsten,und hungern sie, mein Gott, sie sind doch da!
Denn sieh: die Babys brauchen Medizinenund manchmal auch ein weiß Getöpf aus Ton,Gebäck, das Milchgetränk – man kauft es ihnen,und dann vor allem, Kind, die Konfektion!
Und wer soll in des Kaisers Röcken dienen,umbrüllt vom Leutnant und vom General?Stell du das her: es muß nur maskulinenGeschlechtes sein – der Schädel ist egal.
Ins Bett! Hier hast du deine Wickelbinden!Schenk mir den Leo nebst der Annmarei!Und zählt man nach, wird man voll Freude findensechzig Millionen, und von unsdie zwei!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Fromme Gesänge, S. 96, Felix Lehmann, Charlottenburg, 1919
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „An die Meinige“, Fassung 3.791.125 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.
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