Nach der Nacht
Paul Boldt · 1885–1921
20 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1914
Laternen, die den Regenabend führen,Haben die Stadt, die glänzende, verraten.Eiweißer Eiter tropft im LichteratemDer Friedrichstraße, wo sich Dirnen rühren.
Die Augen kriechen aus den FaltenlidernUnd spritzen einen Blick, der dich begießt.Sie lachen sich das Kleid vom Bauch; du siehstDie Brüste — Krötenbäuche in den Miedern.
Du flohst, und Vögel sangen für dich junitags.Der Morgen senkte sich in dein Gesicht.Es schlugen Uhren an, weckten das Licht.Doggengebell des Turmuhrstundenschlags.
Du öffnest deinen Mund, der ist lichtzahnig.O Wanderungen im Gestein der Stadt!O Röcheln, Schreie, seelenquälend Rad! —Es sprudelt aus der Morgenröte sahnig.
Du schweigst. Hinter den dunklen Augen ruhtDas Hirn vom Krampf der tötenden Arsene.Du lächelst, blickst — und da betritt die SzeneDie Sonne, jugendlich, im Wolkenhut.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Junge Pferde! Junge Pferde! S. 45, 1. Auflage, Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1914
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Nach der Nacht“, Fassung 1.103.850 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Paul Boldt starb 1921; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1991 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118661175 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.