Der sterbende Mensch
Karl Kraus · 1874–1936
63 Zeilen in 21 Strophen · zuerst gedruckt 1920
Der MenschNun ists genug. Es hat mich nicht gefreut,Und Neues wird es auch wohl nicht mehr geben.
Das GewissenIn einer Stunde endet sich dein Leben,Und du hast nichts gesühnt und nichts bereut.
Der MenschBereuen kann man nur, was man getan.Ich habe nichts erfüllt und nichts versprochen.
Die ErinnerungIch war dein Zeitvertreib. So wurden WochenAus Jahren. Denkst du noch? Sieh mich nur an!
Der MenschIch sah stets hinter mich, und du warst da.Warst du nicht da, so schloß ich gern die Augen.
Die WeltIch schien dir nicht in deine Welt zu taugen.Du sahst nur alles Ferne immer nah.
Der MenschUnd alles Nahe fern. Bleib mir vom Geist!Stell dich nicht vor, ich stell’ dich besser vor.
Der GeistWenn sie dich plagt, was leihst du ihr dein Ohr?Von mir hast du, von ihr nicht, was du weißt!
Der MenschWas weiß ich, was ich weiß! Ich weiß es nicht.Ich glaube, zweifle, hoffe, fürchte, schwebe.
Der ZweifelDu fällst nicht, Freund, wenn ich dich höher hebe.Verlaß dich auf mein ehrliches Gesicht.
Der MenschIch kenne dich. Du hast durch manche NachtMir eingeheizt und manches Wort gespalten.
Der GlaubeIch aber, glaub mir, hab’ es dir gehalten,Mit meinem Atem dir die Glut entfacht.
Der MenschZu viel, ich hab’ die Seele mir verbrannt.Oft wars wie Hölle, oft wars wie der Blitz —
Der WitzDa bin ich schon. Im Ernst, ich bin der Witz.Ich bins im Ernst, und doch als Spaß verkannt.
Der MenschWer wäre, was er ist, wo Trug und WesenDie Welt vertauscht in jämmerlicher Wahl!
Der HundIch bin ein Hund und kann nicht Zeitung lesen.
Der BürgerIch bin der Herr und wähle liberal.
Die HureIch, weil ich Weib bin, von der Welt verachtet.
Der BürgerWeil ich kein Mann bin, von der Welt geehrt.
Der MenschNach ihrer Ehre hab’ ich nicht geschmachtet.Und ihre Liebe hat mich nicht verzehrt.
GottIm Dunkel gehend, wußtest du ums Licht.Nun bist du da und siehst mir ins Gesicht.Sahst hinter dich und suchtest meinen Garten.Du bliebst am Ursprung. Ursprung ist das Ziel.Du, unverloren an das Lebensspiel,Nun mußt, mein Mensch, du länger nicht mehr warten.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Ausgewählte Gedichte, S. 85-87, Verlag der Schriften von Karl Kraus (Kurt Wolff), München, 1920
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der sterbende Mensch (Kraus)“, Fassung 3.445.383 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Karl Kraus starb 1936; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2006 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118566288 der Deutschen Nationalbibliothek.
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