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Versbuch

Die Raben

Karl Kraus · 18741936

40 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1920

Immer waren unsre Nahrungdie hier, die um Ehre starben.Aber eure Herzenspaarungmacht, daß Raben nimmer darben.

Wir, die wir uns nie bewarben,Nahrung haben wir erworben.Ihr nicht, wir nicht dürfen darben,euch und uns sind sie verdorben.

Ihr und wir vom Siege schnarren,wenn die Opfer sich vermehren,weil im Reiche rings die Narreneurem, unsrem Ruf nicht wehren.

Waren Generale Raben,schnarrts von Phrasen dort im Saale.Draußen sind sie unbegraben,da sind Raben Generale!

Dürft getrost die Schlacht verlieren,wir und ihr in keinem Fallemüssen uns vor uns genieren:Kriegsgewinner sind wir alle!

Ja wir sind noch sehr lebendig,wir sind beide noch die Alten,und wir freuen uns unbändig,diese Kriegszeit durchzuhalten.

Während ihr zum Fraß vereinigt,brauchen wir nicht zu entbehren.Hunger hat uns nie gepeinigt,seit wir folgen euren Heeren.

Hunger würd’ uns nimmer munden,und wir stürben an der Schande,und wir sind euch sehr verbunden,daß wir nicht im Hinterlande.

Dort ist wahre Not, die Greiseund die Kinder dort verderben,weil hier auf die andre Weiseuns zum Trost die Männer sterben.

Eure Schlachtbank läßt nie darbenihre angestellten Kunden.Raben haben, seit sie starben,immer Nahrung noch gefunden.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Ausgewählte Gedichte, S. 59-61, Verlag der Schriften von Karl Kraus (Kurt Wolff), München, 1920
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die Raben (Kraus)“, Fassung 3.562.985 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Karl Kraus starb 1936; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2006 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118566288 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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