Der Siebenschläfer
Karl Kraus · 1874–1936
28 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1920
Lieg’ ich im Bett, so deck’ ich michbis an die Ohren zu.So habe ich doch sicherlichvon euren Plagen Ruh.
Dann aber bricht der Tag herein,ich hab’s ihm nicht geschafft.So früh schon ihm gewachsen sein,dazu fehlt mir die Kraft.
Der Teufel weckte mich und warbei mir mit einem Brief.Nur wachen Augen droht Gefahr,wie gut war’s, als ich schlief.
Zu meiner Nacht hin wend’ ich mich,leg’ mich aufs andre Ohr.Das ist ein wahres Glück, daß ichden Traum noch nicht verlor.
Das hätt’ mich allzu früh verbraucht,was ich für euch gemußt.So bleibt’s in halben Schlaf getauchtund halb wird es bewußt.
Bleibt auch das Glück nur halb gespürt,das damals ich erfuhr,so hat durch rauhen Tag geführtdes Traumes weiche Spur.
Und endet niemals eure Qualund schafft der Tod erst Ruh,und lieg’ ich auf dem Bett einmal,so deckt mich tüchtig zu!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Ausgewählte Gedichte, S. 72-73, Verlag der Schriften von Karl Kraus (Kurt Wolff), München, 1920
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Siebenschläfer (Kraus)“, Fassung 3.444.329 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Karl Kraus starb 1936; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2006 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118566288 der Deutschen Nationalbibliothek.
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