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Versbuch

Der Ratgeber

Karl Kraus · 18741936

20 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1920

Was immer sich in meinen Traum gedrängt,hat stets mit meinem Tage sich vermengt.

Doch nimmt der Traum das Leben leicht in Schutz.An seinem Dunkel klärt sich aller Schmutz.

Wie sich im Wechsel da die Dinge drehn,wird Schönes häßlich, Häßliches wird schön.

Schon manche Freundschaft plötzlich mir entschwand,weil ich durch einen Traum den Freund erkannt.

Schon manche Feindschaft habe ich versäumt,weil mir einmal vom Feinde hat geträumt.

Der Todfeind, den ich auf der Straße traf,das war der Freund von meinem letzten Schlaf.

Der freundlich meinem Tage sich genaht,an meiner Nacht übt heimlich er Verrat.

Tagsüber wüßt’ ich nicht, wie mir geschah,wenn ich den andern andern Augs besah.

Es narrt mich etwas, doch ich weiß nicht was,da ich des Winks der letzten Nacht vergaß.

Zur nächsten erst hängt wieder an dem Flaumdes Bettes der am Tag vergeßne Traum.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Ausgewählte Gedichte, S. 39-40, Verlag der Schriften von Karl Kraus (Kurt Wolff), München, 1920
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der Ratgeber (Kraus)“, Fassung 3.440.449 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Karl Kraus starb 1936; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2006 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118566288 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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