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Versbuch

Wien, Februar 1924

Joachim Ringelnatz · 18831934

33 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1928 (EA 1927)

Ich werde wohl in wenig WochenBischof und Bürgermeister sein von dieser Stadt.Nach dem, was man mir allwo hier versprochenUnd mit viel Küßdiehands beteuert hat.

Und andrerseits: nach dem, was man gehalten,Und wie man mich empfehlend weiterwiesUnd überhaupt – es drängt mich, einzuschalten:Hier ißt und trinkt – – So denk ich mir Paris.

Ich lebe noch, obwohl die TrambahnwagenLinks fahren und sich alles linksAusweicht. Ich weiß dir mündlich allerdingsAuch vieles Gute über Wien zu sagen,Für heute laß mich etwas neidisch klagen.

Denn Oper, Fasching, Tanz und Operette –Ich merkte, zählte … und ich kroch ins Bette.

Und wie sich unsereins hier vor den Läden weidet!Und wie, was weiblich oder femininIst, hier sich elegant tut und bekleidet –!Ja Wien bleibt Wien.

Ich seh die Tiere, die man abgeschossenUm Pelz und Flirt.

Jedoch ich werde mählich was verwirrt.Ich habe zuviel Heurigen genossen.Und draußen wuchtet um den StephansturmSchon seit acht Tagen böser Wind. –Der müßte zehnmal stärker – stärkster Wind –Hier all die Damherrn, Dummen oder DämenJählings entkleiden, nackt wie Regenwurm. –Wie sich die Zierigen wohl dann benähmen?!

Ach wärst du hier, wär’ all das abgetan.Schlagobers würd’ ich um dich häufen lassen.Auch sah ich winkelschöne, arme GassenUnd Kirchtürme ganz aus Filigran.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Reisebriefe eines Artisten, S. 100, 101, 5.–9. Tausend, Ernst Rowohlt, Berlin, 1928 (EA 1927)
Digitalisat
de.wikisource.org — „Wien, Februar 1924“, Fassung 3.466.811 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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