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Versbuch

Seepferdchen

Joachim Ringelnatz · 18831934

31 Zeilen · zuerst gedruckt 1928

Als ich noch ein Seepferdchen war,Im vorigen Leben,Wie war das wonnig, wunderbarUnter Wasser zu schweben.In den träumenden FlutenWogte, wie Güte, das HaarDer zierlichsten aller Seestuten,Die meine Geliebte war.Wir senkten uns still oder stiegen,Tanzten harmonisch um einand,Ohne Arm, ohne Bein, ohne Hand,Wie Wolken sich in Wolken wiegen.Sie spielte manchmal graziöses Entfliehn,Auf daß ich ihr folge, sie hasche,Und legte mir einmal im AnsichziehnEierchen in die Tasche.Sie blickte traurig und stellte sich froh,Schnappte nach einem Wasserfloh,Und ringelte sichAn einem Stengelchen fest und sprach so:Ich liebe dich!Du wieherst nicht, du äpfelst nicht,Du trägst ein farbloses PanzerkleidUnd hast ein bekümmertes altes Gesicht,Als wüßtest du um kommendes Leid.Seestütchen! Schnörkelchen! Ringelnaß!Wann war wohl das?Und wer bedauert wohl später meine restlichen Knochen?Es ist beinahe so, daß ich weine –Lollo hat das vertrocknete, kleineSchmerzverkrümmte Seepferd zerbrochen.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Allerdings, S. 27–28, 1. Auflage, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1928
Digitalisat
de.wikisource.org — „Seepferdchen“, Fassung 3.026.621 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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