Meine alte Schiffsuhr
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
24 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1933
In meinem Zimmer hängt eine runde,Alte, achteckige Segelschiffsuhr.Sie schlägt weder Glasen noch Stunde,Sie schlägt, wie sie will, und auch nur,
Wann sie will. Die Uhrmacher gabenSie alle ratlos mir zurück;Sie wollten mit solchem TeufelsstückGar nichts zu tun zu haben.
Und gehe sie, wie sie wolle,Ich freue mich, weil sie noch lebt.Nur schade, daß nie eine tolleDünung sie senkt oder hebt
Oder schüttert. Nein, sie hängt sicherGeborgen. Doch in ihr kreistEin ruhelos wunderlicherFreibeuter-Klabautergeist.
Nachts, wenn ich still vor ihr hocke,Dann höre ich mehr als Ticktack,Dann klingt was wie NebelglockeUnd ferner Hundswachenschnack.
Und manche Zeit versäumeIch vor der spukenden, unkenden Uhr,Indem ich davon träume,Wie ich mit ihr nach Westindien fuhr.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- 103 Gedichte, S. 83–84, Ernst Rowohlt, Berlin, 1933
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Meine alte Schiffsuhr“, Fassung 3.778.726 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.