Meine Tante
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
20 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1928
Meine Tante ist eine BlindeUnd obendrein geistesgestört,Was ich doch noch rüstig empfinde,Weil sie auf dem einen Ohr hört.
Ihr Rückgrat ist wie ein Henkel.Sie geht deshalb etwas gebückt.Doch hat sie am oberen SchenkelEin Grübchen, das jeden entzückt.
Ein Grübchen, wie manch eine Haut hat,Nur zarter und doch wieder stark,Daß jeder, der es geschaut hat,Erfreut etwas zahlt. Meist drei Mark.
Sie hat Perioden mit Äther.Ich breche mitunter mit ihrBeziehungen ab, die ich späterErneure bei angeblich Bier.
Denn sie ist doch eine volleMimosengestalt, ein Genie,Und immer noch unter Kontrolle.Ich garantiere für sie.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Allerdings, S. 63, 1. Auflage, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1928
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Meine Tante“, Fassung 3.026.780 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.