Schnee
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
29 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1933
Zwischen den BahngeleisenVertränt sich morgenroter Schnee. – –Artisten müssen reisenIns Gebirge und an die See,Nach Leipzig – und immer wieder fort, fort.Nicht aus Vergnügen und nicht zum Sport.Manchmal tut`s weh.
Der ich zu Hause bei meiner FrauSo gern noch wochenlang bliebe;Mir schreibt eine schöne Dame:„Komm zu uns nach Oberammergau.Bei uns ist Christus und Liebe,Und unser Schnee leuchtet himmelblau.“ –Aber Plakate und ZeitungsreklameBefehlen mich leider nicht dort-,Sondern anderwohin. Fort, fort.
Der Schnee ist schwarz und traurigIn der Stadt.Wer da keine Unterkunft hat,den bedaure ich.
Der Schnee ist weiß, wo nicht Menschen sind.Der Schnee ist weiß für jedes Kind.Und im Frühling, wenn die Schneeglöckchen blühn,Wird der Schnee wieder grün.
Beschnuppert im grauen Schnee ein WauwauDas Gelbe,Reißt eine strenge Leine ihn fort. –Mit mir im OberhimmelblauWär’s ungefähr dasselbe.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- 103 Gedichte, S. 46–47, 1. Auflage, Ernst Rowohlt, Berlin, 1933
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Schnee“, Fassung 3.778.476 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.