Kunstgewerbe
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
18 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1932
Ein blauer Hund mit gelben OhrenWurde in einem Atelier geboren.Weil er naturfremd originellWie jene Mutter war, die ihn gebar,Vermehrte er sich populär sehr schnellUnd brachte Geld, und viel sogar.
Ein andres Suchweib, gleichfalls von BerufOriginell, erdachte sich und schufAus Ton ein Mäus'chen, witzig, zart und schlicht,Sehr künstlerisch; das reüssierte nicht.Bis wahre Künstler es entdecktenUnd kauften von sechs Exemplaren vier.Worauf die andern zwei entsetzlich heckten.Nun seh ich überall dies Mäusetier.Es glotzt, es kotzt mich an aus Gips,Aus Bronze, Ton. Ein Mäuseplagenippes.
Ich bitte dich: Wenn ich dereinst mal sterbe,Tu meine Asche nicht in Kunstgewerbe.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte dreier Jahre, S. 17, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1932
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Kunstgewerbe“, Fassung 3.779.477 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.