Das scheue Wort
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
35 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1929
Es war ein scheues Wort.Das war ausgesprochenUnd hatte sich sofortUnter ein Sofa verkrochen.
Samstags, als Berta das Sofa klopfte,Flog es in das linke, verstopfteOhr von Berta. Von da aus entkam es.Ein Windstoß nahm es,Trug es weit und dann hoch empor.Wo es sich in das halbe, bangeGedächtnis eines Piloten verlor.
Fiel dann an einem WiesenhangeAuf eine umarmte Arbeiterin nieder,Trocknete deren Augenlider.Wobei ein Literat es erwischteUnd, falsch belauscht,Eitel aufgebauscht,Mittags dann seichten Fressern auftischte.
Und das arme, mißbrauchte,Zitternde scheue WortWanderte weiter und tauchteWieder auf, hier und dort.Bis ein Dichter es sanft einträumte,Ihm ein stilles Palais einräumte. – –
Kam aber sehr bald ein ParodistMit geschäftlich sicherem Blick,Tauchte das Wort mit Speichel und MistIn einen Aufguß gestohlner Musik.
So ward es publik.So wurde es volkstümlich laut.Und doch nur sein Äußeres, seine Haut,Das Klangliche und das Reimliche.Denn das Innerste, HeimlicheAn ihm war weder lauschend noch lesendErreichbar, blieb öffentlich abwesend.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Flugzeuggedanken, 1. Auflage, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1929
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Das scheue Wort“, Fassung 2.572.025 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
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