Chartres
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
31 Zeilen · zuerst gedruckt 1933
Kirchenfenster, Kirchenfenster,Kirchenfenster, Kirchenfenst...Hoch im Dachgebälk der KathedraleSahen meine Freunde viel Gespenster.Ich sah nur ein einziges, das internationale,Ewige, gottfröhliche Gespenst,Das nicht nur in KathedralenSondern auch im Zöster und im Faust,Auch in Püffen und in ApfelsinenschalenOder sonstens wo für den und jenen haust.Der Professor, welcher im BerufUnd bei seinen LeutenAn sehr erster, prominenter Spitze steht,Wußte, wer das alles und wie und warum er’s schuf:Und er bat die Freunde, ihn zu bitten, uns zu deuten.Und dann konnte er geflüssig, klar und sinnigSteine, Formen, Farben lesen.Und doch vor den schönen Kirchenfenstern bin ichDamals glücklich ganz fernanderswo gewesen.Doch dem Kirchendiener hab’ ich langeZugeschaut – das hat mich zweitens intressiert –.Wie der Kerl mit einer EisenstangeUnd mit einem Holzpantoffel raffiniertEine Maus beschlich.Ach, die hatte sichScheu verirrt. – Nun mag man nicht vergessen,Daß oft Mäuse ohne Ehrfurcht oder Scham:Bibeln, Samt und Christusnasen fressen.Doch ich freute michUngeheuerlich,Als die Kirchenmaus dem Kirchendiener doch entkam.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- 103 Gedichte, S. 76–77, 1. Auflage, Ernst Rowohlt, Berlin, 1933
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Chartres“, Fassung 3.778.581 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
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