Entartung
Heinrich Heine · 1797–1856
22 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1844
VIII.Entartung.
Hat die Natur sich auch verschlechtert,Und nimmt sie Menschenfehler an?Mich dünkt die Pflanzen und die Thiere,Sie lügen jetzt wie jedermann.
Ich glaub’ nicht an der Lilje Keuschheit.Es buhlt mit ihr der bunte Geck,Der Schmetterling; der küßt und flattertAm End’ mit ihrer Unschuld weg.
Von der Bescheidenheit der VeilchenHalt ich nicht viel. Die kleine Blum’,Mit den koketten Düften lockt sie,Und heimlich dürstet sie nach Ruhm.
Ich zweifle auch, ob sie empfindet,Die Nachtigall, das was sie singt;Sie übertreibt und schluchzt und trillertNur aus Routine, wie mich dünkt.
Die Wahrheit schwindet von der Erde,Auch mit der Treu’ ist es vorbey.Die Hunde wedeln noch und stinkenWie sonst, doch sind sie nicht mehr treu.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Neue Gedichte, Zeitgedichte. S. 241–242, 1, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1844
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Entartung“, Fassung 4.415.982 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.