Romanze zur Nacht
Georg Trakl · 1887–1914
20 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1913
Einsamer unterm SternenzeltGeht durch die stille Mitternacht.Der Knab aus Träumen wirr erwacht,Sein Antlitz grau im Mond verfällt.
Die Närrin weint mit offnem HaarAm Fenster, das vergittert starrt.Im Teich vorbei auf süßer FahrtZiehn Liebende sehr wunderbar.
Der Mörder lächelt bleich im Wein,Die Kranken Todesgrausen packt.Die Nonne betet wund und nacktVor des Heilands Kreuzespein.
Die Mutter leis’ im Schlafe singt.Sehr friedlich schaut zur Nacht das KindMit Augen, die ganz wahrhaft sind.Im Hurenhaus Gelächter klingt.
Beim Talglicht drunt’ im KellerlochDer Tote malt mit weißer HandEin grinsend Schweigen an die Wand.Der Schläfer flüstert immer noch.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 9, 1. Auflage, Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1913
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Romanze zur Nacht“, Fassung 2.555.751 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Georg Trakl starb 1914; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1984 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118623575 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.