Zum Inhalt springen
Versbuch

Drei Blicke in einen Opal

Georg Trakl · 18871914

37 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1913

An Erhard Buschbeck1.Blick in Opal: ein Dorf umkränzt von dürrem Wein,Der Stille grauer Wolken, gelber FelsenhügelUnd abendlicher Quellen Kühle: ZwillingsspiegelUmrahmt von Schatten und von schleimigem Gestein.

Des Herbstes Weg und Kreuze gehn in Abend ein,Singende Pilger und die blutbefleckten Linnen.Des Einsamen Gestalt kehrt also sich nach innenUnd geht, ein bleicher Engel, durch den leeren Hain.

Aus Schwarzem bläst der Föhn. Mit Satyrn im VereinSind schlanke Weiblein; Mönche der Wollust bleiche Priester,Ihr Wahnsinn schmückt mit Lilien sich schön und düsterUnd hebt die Hände auf zu Gottes goldenem Schrein.

2.Der ihn befeuchtet, rosig hängt ein Tropfen TauIm Rosmarin: hinfließt ein Hauch von Grabgerüchen,Spitälern, wirr erfüllt von Fieberschrein und Flüchen.Gebein steigt aus dem Erbbegräbnis morsch und grau.

In blauem Schleim und Schleiern tanzt des Greisen Frau,Das schmutzstarrende Haar erfüllt von schwarzen Tränen,Die Knaben träumen wirr in dürren WeidensträhnenUnd ihre Stirnen sind von Aussatz kahl und rauh.

Durchs Bogenfenster sinkt ein Abend lind und lau.Ein Heiliger tritt aus seinen schwarzen Wundenmalen.Die Purpurschnecken kriechen aus zerbrochenen SchalenUnd speien Blut in Dorngewinde starr und grau.

3.Die Blinden streuen in eiternde Wunden Weiherauch.Rotgoldene Gewänder; Fackeln; Psalmensingen;Und Mädchen, die wie Gift den Leib des Herrn umschlingen.Gestalten schreiten wächsernstarr durch Glut und Rauch.

Aussätziger mitternächtigen Tanz führt an ein GauchDürrknöchern. Garten wunderlicher Abenteuer;Verzerrtes; Blumenfratzen, Lachen; UngeheuerUnd rollendes Gestirn im schwarzen Dornenstrauch.

O Armut, Bettelsuppe, Brot und süßer Lauch;Des Lebens Träumerei in Hütten vor den Wäldern.Grau härtet sich der Himmel über gelben FeldernUnd eine Abendglocke singt nach altem Brauch.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 58–59, 1. Auflage, Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1913
Digitalisat
de.wikisource.org — „Drei Blicke in einen Opal“, Fassung 2.555.696 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Georg Trakl starb 1914; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1984 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118623575 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Georg Trakl

Alle Gedichte von Georg Trakl ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Moderne und Expressionismus

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.