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Versbuch

Im Dorf

Georg Trakl · 18871914

36 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1913

1.Aus braunen Mauern tritt ein Dorf, ein Feld.Ein Hirt verwest auf einem alten Stein.Der Saum des Walds schließt blaue Tiere ein,Das sanfte Laub, das in die Stille fällt.

Der Bauern braune Stirnen. Lange töntDie Abendglocke; schön ist frommer Brauch,Des Heilands schwarzes Haupt im Dornenstrauch,Die kühle Stube, die der Tod versöhnt.

Wie bleich die Mütter sind. Die Bläue sinktAuf Glas und Truh, die stolz ihr Sinn bewahrt;Auch neigt ein weißes Haupt sich hochbejahrtAufs Enkelkind, das Milch und Sterne trinkt.

2.Der Arme, der im Geiste einsam starb,Steigt wächsern über einen alten Pfad.Die Apfelbäume sinken kahl und stadIns Farbige ihrer Frucht, die schwarz verdarb.

Noch immer wölbt das Dach aus dürrem StrohSich übern Schlaf der Kühe. Die blinde MagdErscheint im Hof; ein blaues Wasser klagt;Ein Pferdeschädel starrt vom morschen Tor.

Der Idiot spricht dunklen Sinns ein WortDer Liebe, das im schwarzen Busch verhallt,Wo jene steht in schmaler Traumgestalt.Der Abend tönt in feuchter Bläue fort.

3.Ans Fenster schlagen Äste föhnentlaubt.Im Schoß der Bäurin wächst ein wildes Weh.Durch ihre Arme rieselt schwarzer Schnee;Goldäugige Eulen flattern um ihr Haupt.

Die Mauern starren kahl und grauverdrecktIns kühle Dunkel. Im Fieberbette friertDer schwangere Leib, den frech der Mond bestiert.Vor ihrer Kammer ist ein Hund verreckt.

Drei Männer treten finster durch das TorMit Sensen, die im Feld zerbrochen sind.Durchs Fenster klirrt der rote Abendwind;Ein schwarzer Engel tritt daraus hervor.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 55-56, 1. Auflage, Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1913
Digitalisat
de.wikisource.org — „Im Dorf“, Fassung 2.555.699 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Georg Trakl starb 1914; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1984 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118623575 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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