Die junge Magd
Georg Trakl · 1887–1914
73 Zeilen in 18 Strophen · zuerst gedruckt 1913
Ludwig von Ficker zugeeignet1.Oft am Brunnen, wenn es dämmert,Sieht man sie verzaubert stehenWasser schöpfen, wenn es dämmert.Eimer auf und niedergehen.
In den Buchen Dohlen flatternUnd sie gleichet einem Schatten.Ihre gelben Haare flatternUnd im Hofe schrein die Ratten.
Und umschmeichelt von VerfalleSenkt sie die entzundenen Lider.Dürres Gras neigt im VerfalleSich zu ihren Füßen nieder.
2.Stille schafft sie in der KammerUnd der Hof liegt längst verödet.Im Hollunder vor der KammerKläglich eine Amsel flötet.
Silbern schaut ihr Bild im SpiegelFremd sie an im ZwielichtscheineUnd verdämmert fahl im SpiegelUnd ihr graut vor seiner Reine.
Traumhaft singt ein Knecht im DunkelUnd sie starrt von Schmerz geschüttelt.Röte träufelt durch das Dunkel.Jäh am Tor der Südwind rüttelt.
3.Nächtens übern kahlen AngerGaukelt sie in Fieberträumen.Mürrisch greint der Wind im AngerUnd der Mond lauscht aus den Bäumen.
Balde rings die Sterne bleichenUnd ermattet von BeschwerdeWächsern ihre Wangen bleichen.Fäulnis wittert aus der Erde.
Traurig rauscht das Rohr im TümpelUnd sie friert in sich gekauert.Fern ein Hahn kräht. Übern TümpelHart und grau der Morgen schauert.
4.In der Schmiede dröhnt der HammerUnd sie huscht am Tor vorüber.Glührot schwingt der Knecht den HammerUnd sie schaut wie tot hinüber.
Wie im Traum trifft sie ein Lachen;Und sie taumelt in die Schmiede,Scheu geduckt vor seinem Lachen,Wie der Hammer hart und rüde.
Hell versprühn im Raum die FunkenUnd mit hilfloser GeberdeHascht sie nach den wilden FunkenUnd sie stürzt betäubt zur Erde.
5.Schmächtig hingestreckt im BetteWacht sie auf voll süßem BangenUnd sie sieht ihr schmutzig BetteGanz von goldnem Licht verhangen,
Die Reseden dort am FensterUnd den bläulich hellen Himmel.Manchmal trägt der Wind ans FensterEiner Glocke zag Gebimmel.
Schatten gleiten übers Kissen,Langsam schlägt die MittagsstundeUnd sie atmet schwer im KissenUnd ihr Mund gleicht einer Wunde.
6.Abends schweben blutige Linnen,Wolken über stummen Wäldern,Die gehüllt in schwarze Linnen.Spatzen lärmen auf den Feldern.
Und sie liegt ganz weiß im Dunkel.Unterm Dach verhaucht ein Girren.Wie ein Aas in Busch und DunkelFliegen ihren Mund umschwirren.
Traumhaft klingt im braunen WeilerNach ein Klang von Tanz und Geigen,Schwebt ihr Antlitz durch den Weiler,Weht ihr Haar in kahlen Zweigen.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 6-8, 1. Auflage, Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1913
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die junge Magd“, Fassung 3.513.768 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Georg Trakl starb 1914; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1984 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118623575 der Deutschen Nationalbibliothek.
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