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Versbuch

Der Abend

Friedrich Schiller · 17591805

99 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1776

Die Sonne zeigt, vollendend gleich dem Helden,Dem tiefen Thal ihr Abendangesicht,(Für andre, ach! glüksel’gre WeltenIst das ein Morgenangesicht)Sie sinkt herab vom blauen Himmel,Ruft die Geschäftigkeit zur Ruh,Ihr Abschied stillt das Weltgetümmel,Und winkt dem Tag sein Ende zu.

Jetzt schwillt des Dichters Geist zu göttlichen Gesängen,Laß strömen sie, o HErr, aus höherem Gefühl,Laß die Begeisterung die kühnen Flügel schwingen,Zu dir, zu dir, des hohen Fluges Ziel.Mich über Sphären, himmelan, gehoben,Getragen sein vom herrlichen Gefühl,Den Abend und des Abends Schöpfer loben,Durchströmt vom paradisischen Gefühl.Für Könige, für Grosse ists geringe,Die Niederen besucht es nur –O GOtt, du gabest mir Natur,Theil Welten unter sie – nur, Vater, mir Gesänge.

Ha! wie die müden AbschiedsstralenDas wallende Gewölk bemalen,Wie dort die Abendwolken sichIm Schooß der Silberwellen baden;O Anblik, wie entzükst du mich!Gold, wie das Gelb gereifter Saaten,Gold ligt um alle Hügel her,Vergöldet sind der Eichen Wipfel,Vergöldet sind der Berge Gipfel,Das Thal beschwimmt ein Feuermeer,Der hohe Stern des Abends straletAus Wolken, welche um ihn glühn,Wie der Rubin am falben Haar, das walletUm’s Angesicht der Königin.

Schau, wie der Sonnenglanz die Königsstadt beschimmert,Und fern die grüne Haide lacht;Wie hier in jugendlicher PrachtDer ganze Himmel niederdämmert;Wie jezt des Abends Purpurstrom,Gleich einem Beet von Frühlingsrosen,Gepflüket im Elisium,Auf goldne Wolken hingegossen,Ihn überschwemmet um und um.

Vom Felsen rieselt spiegelhelleIns Graß die reinste Silberquelle,Und tränkt die Herd und tränkt den Hirt (en)Am Weidenbusche ligt der Schäfer,Deß Lied das ganze Thal durchirrt,Und wiederholt im Thale wird.Die stille Luft durchsumßt der Käfer;Vom Zweige schlägt die Nachtigall,Ihr Meisterlied macht alle Ohren lauschen,Bezaubert von dem GötterschallWagt izt kein Blatt vom Baum zu rauschen;Stürzt langsamer der Wasserfall.Der kühle West beweht die Rose,Die eben izt den Busen schlose, (schlos)Entathmet ihr den Götterduft,Und füllt damit die Abendluft.

Ha, wie es schwärmt und lebt von tausend Leben,Die alle dich, Unendlicher, erheben,Zerflossen in melodischem Gesang,Wie tönt des Jubels himmlischer Gesang!Wie tönt der Freude hoch erhabner Klang!Und ich allein bin stumm – nein, tön es aus, o Harfe,Schall Lob des HErrn in seines Staubes Harfe!

Verstumm Natur umher, und horch der hohen Harfe,Dann GOtt entzittert ihr,Hör auf, du Wind, durchs Laub zu sausen,Hör auf, du Strom, durchs Feld zu brausen,Und horcht und betet an mit mir:GOtt thuts, wenn in den weiten HimmelnPlaneten und Kometen wimmeln,Wenn Sonnen sich um Axen drehn,Und an der Erd vorüberwehn.

GOtt – wenn der Adler Wolken theilet,Von Höhen stolz zu Tiefen eilet,Und wieder auf zur Sonne strebt.GOtt – wenn der West ein Blatt beweget,Wenn auf dem Blatt ein Wurm sich reget,Ein Leben in dem Wurme lebt,Und hundert Fluten in ihm strömen,Wo wieder junge Würmchen schwimmen,Wo wieder eine Seele webt.

Und willst du, HErr, so steht des Blutes Lauf,So sinkt dem Adler sein Gefieder,So weht kein West mehr Blätter nieder,So hört des Stromes Eilen auf,Schweigt das Gebrauß empörter Meere,Krümmt sich kein Wurm, und wirbelt keine Sphäre –O Dichter schweig: zum Lob der kleinen Myriaden,Die sich in diesen Meeren baden,Und deren Sein noch keines Aug durchdrang,Ist todtes Nichts dein feurigster Gesang.

Doch bald wirst du zum Thron die Purperflügel schwingen,Dein kühner Blik noch tiefer tiefer dringen,Und heller noch die Engelharfe klingen;Dort ist nicht Abend mehr, nicht Dunkelheit,Der Herr ist dort und Ewigkeit!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Schwäbisches Magazin von gelehrten Sachen. 10. Stück, S. 715–719, 1. Auflage, Erhard, Stuttgart, 1776
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der Abend (Schiller)“, Fassung 1.671.275 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Friedrich Schiller starb 1805; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1875 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118607626 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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