Pompeji und Herculanum
Friedrich Schiller · 1759–1805
56 Zeilen · zuerst gedruckt 1854
Welches Wunder begibt sich? Wir flehten um trinkbare Quellen,Erde, dich an, und was sendet dein Schooß uns herauf!Lebt es im Abgrund auch? Wohnt unter der Lava verborgenNoch ein neues Geschlecht? Kehrt das entflohne zurück?Griechen, Römer, o kommt! o seht, das alte PompejiFindet sich wieder, aufs neu bauet sich Herkules Stadt.Giebel an Giebel steigt, der räumige Porticus öffnetSeine Hallen, o eilt, ihn zu beleben, herbei!Aufgethan ist das weite Theater, es stürze durch seineSieben Mündungen sich flutend die Menge herein.Mimen, wo bleibt ihr? Hervor! das bereitete Opfer vollendeAtreus Sohn, dem Orest folge der grausende Chor!Wohin führet der Bogen des Siegs? Erkennt ihr das Forum?Was für Gestalten sind das auf dem curulischen Stuhl?Traget, Lictoren, die Beile voran! Den Sessel besteigeRichtend der Prätor, der Zeug’ trete, der Kläger vor ihn.Reinliche Gassen breiten sich aus, mit erhöhetem PflasterZiehet der schmälere Weg neben den Häusern sich hin.Schützend springen die Dächer hervor, die zierlichen ZimmerReihn um den einsamen Hof heimlich und traulich sich her.Oeffnet die Läden geschwind und die lange verschütteten Thüren!In die schaudrigte Nacht falle der lustige Tag!Siehe, wie rings um den Rand die netten Bänke sich dehnen,Wie von buntem Gestein schimmernd das Estrich sich hebt!Frisch noch erglänzt die Wand von heiter brennenden Farben.Wo ist der Künstler! Er warf eben den Pinsel hinweg.Schwellender Früchte voll und lieblich geordneter BlumenFasset der muntre Feston reizende Bildungen ein.Mit beladenem Korb schlüpft hier ein Amor vorüber,Emsige Genien dort keltern den purpurnen Wein;Hoch auf springt die Bacchantin im Tanz, dort ruhet sie schlummernd,Und der lauschende Faun hat sich nicht satt noch gesehn.Flüchtig tummelt sie hier den raschen Centauren, auf einemKnie nur schwebend, und treibt frisch mit dem Thyrsus ihn an.Knaben! was säumt ihr? Herbei! Da stehn noch die schönen Geschirre.Frisch, ihr Mädchen, und schöpft in den etrurischen Krug!Steht nicht der Dreifuß hier auf schön geflügelten Sphinxen?Schüret das Feuer! Geschwind, Sklaven, bestellet den Herd!Kauft, hier geb’ ich euch Münzen, vom mächtigen Titus gepräget;Auch noch die Wage liegt hier, sehet, es fehlt kein Gewicht.Stecket das brennende Licht auf den zierlich gebildeten Leuchter,Und mit glänzendem Oel fülle die Lampe sich an!Was verwahret dies Kästchen? O seht, was der Bräutigam sendet,Mädchen! Spangen von Gold, glänzende Pasten zum Schmuck.Führet die Braut in das duftende Bad, hier stehn noch die Salben,Schminke find’ ich noch hier in dem gehöhlten Krystall.Aber wo bleiben die Männer? die Alten? Im ernsten MuseumLiegt noch ein köstlicher Schatz seltener Rollen gehäuft.Griffel findet ihr hier zum Schreiben, wächserne Tafeln;Nichts ist verloren, getreu hat es die Erde bewahrt.Auch die Penaten, sie stellen sich ein, es finden sich alleGötter wieder; warum bleiben die Priester nur aus?Den Caduceus schwingt der zierlich geschenkelte Hermes,Und die Victoria fliegt leicht aus der haltenden Hand.Die Altäre, sie stehen noch da, o kommet, o zündet –Lang schon entbehrte der Gott – zündet die Opfer ihm an!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte von Friedrich von Schiller, S. 390–392, J. G. Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1854
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Pompeji und Herculanum“, Fassung 1.462.744 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Friedrich Schiller starb 1805; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1875 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118607626 der Deutschen Nationalbibliothek.
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