Entsagung
Franz Grillparzer · 1791–1872
20 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1872
Eins ist, was altergraue Zeiten lehren,Und lehrt die Sonne, die erst heut getagt:Des Menschen ew’ges Loos, es heißt: Entbehren,Und kein Besitz, als den du dir versagt.
Die Speise, so erquicklich deinem Munde,Beim frohen Fest genippter Götterwein,Des Theuren Kuß auf deinem heißen Munde,Dein wär’s? Sieh zu! ob du vielmehr nicht sein.
Denn der Natur alther nothwend’ge Mächte,Sie hassen, was sich freie Bahnen zieht,Als vorenthalten ihrem ew’gen RechteUnd reißen’s lauernd in ihr Machtgebiet.
All’, was du hältst, davon bist du gehalten,Und wo du herrschest, bist du auch der Knecht.Es sieht Genuß sich vom Bedarf gespalten,Und eine Pflicht knüpft sich an jedes Recht.
Nur was du abweist, kann uns wiederkommen,Was du verschmähst, naht ewig schmeichelnd sich,Und in dem Abschied, vom Besitz genommen,Erhältst du dir das einzig deine: Dich!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte von Grillparzer. S. 67–68, 1. Auflage, Cotta, Stuttgart, 1872
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Entsagung“, Fassung 3.780.653 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Franz Grillparzer starb 1872; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1942 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118542192 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.