Alte Schweizer
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
24 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1882
Sie kommen mit dröhnenden Schritten entlangDen von Raphael’s Fresken verherrlichten GangIn der puffigen alten geschichtlichen Tracht,Als riefe das Horn sie zur Murtener Schlacht:
„Herr Heiliger Vater, der Gläubigen Hort,So kann es nicht gehn und so geht es nicht fort!Du sparst an den Kohlen, Du knickerst am Licht –An Deinen Helvetiern knausre Du nicht!
Wann den Himmel ein Heiliger Vater gewann,Ergiebt es elf Thaler für jeglichen Mann!So galt’s und so gilt’s von Geschlecht zu Geschlecht,Wir pochen auf unser historisches Recht!
Herr Heiliger Vater, Du weißt wer wir sind!Bescheidene Leute von Ahne zu Kind!Doch werden wir an den Moneten gekürzt,Wir kommen wie brüllende Löwen gestürzt!
Herr Heiliger Vater, die Thaler heraus!Sonst räumen wir Kisten und Kasten im Haus –Potz Donner und Hagel und höllischer Pfuhl!Wir versteigern Dir den apostolischen Stuhl!“
Der Heilige Vater bekreuzt sich entsetztUnd zaudert und langt in die Tasche zuletzt –Da werden die Löwen zu Lämmern im Nu:„Herr Heiliger Vater, jetzt segne uns Du!“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 135-136, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Alte Schweizer“, Fassung 2.084.951 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.