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Versbuch

Papst Julius

Conrad Ferdinand Meyer · 18251898

64 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1882

Halb vom Hades schon bezwungen,Von Lemuren schon umschwebt,Hat er doch sich losgerungen –Sieh er athmet! Sieh er lebt!Hinter seinen greisen BrauenFlammt’s! Jetzt langt er nach dem Bart,Zürnt und schilt den Tod mit rauhen,Ungestümen Worten hart:

„Weg mir aus dem Angesichte,Larven, die mir bleich gedroht!Charon, aus dem SonnenlichteWeg ins Schilf mit deinem Boot!Keine Macht ist dir gegeben,Bis ich selbst dich rufen mag!Heute hab’ ich noch zu lebenEinen vollgedrängten Tag!

Arzt, statt deiner faden TropfenGieb mir des Falerners Glut!Lasse meine Pulse klopfen,Wirf mir Feuer in das Blut!Auf die Thüren! Weg die Kissen!Meine Feldherrn, tretet ein!Meine Meister, laßt sie wissen,Daß sie dreifach emsig sei’n!

Regst, Bramante, die geschicktenHände du? Vollende doch!Diese Augen, sie erblicktenGerne deine Kuppel noch!Michel Angelo, willkommen!Warum schaust du wieder scheel?Dort erblick’ ich meinen frommen,Meinen süßen Raphael!

Als den Hirten nicht des Lammes,Bildet mich als Mosen ab,Der den Dränger seines StammesNiederschlug mit wucht’gem Stab –Wo die Wasserstürze tosenIn die Brunnenschale jach,Setzet, Meister, mich als Mosen,Der die Felsenwand zerbrach!

Moses bin ich, in dem BlitzeSinai’s, in Rauch und Dampf:Meine donnernden GeschützeEnden flammend jeden Kampf!Mit den neugegoßnen StückenBring’ ich Burg und Stadt zu Fall,Schmettre Breschen, breche LückenIn den stärksten Mauerwall!

Falkner, sprich, was macht mein Sperber,Der die Klaue sich zerstieß?Marschalk, sag, wie lebt mein Berber,Den zu scharf ich jagen ließ?Tummelt, Diener, zum ErgötzenMir im Hof ein feurig Thier!Laßt es springen, laßt es setzenVor den alten Augen mir!

Helmt mir die gefurchte Stirne!Harnischt mir die welke Hand!Der Italien macht zur Dirne,Jagt den Fremdling aus dem Land!Reicht ein Schwert! Ich will es retten!Ruft, Drommmeten, ruft zur Schlacht!In der Faust zerrißne Ketten,Schreit’ ich durch des Hades Nacht!“

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 295–297, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
Digitalisat
de.wikisource.org — „Papst Julius“, Fassung 2.086.275 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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