Die glückliche Ehe
Christian Fürchtegott Gellert · 1715–1769
30 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1769
Gedankt sey es dem Gott der Ehen,Was ich gewünscht, hab ich gesehen:Ich sah ein recht zufriednes Paar;Ein Paar, das ohne Gram und Reue,Bey gleicher Lieb und gleicher Treue,In kluger Ehe glücklich war.
Ein Wille lenkte hier zwo Seelen.Was sie gewählt, pflegt er zu wählen,Was er verwarf, verwarf auch sie:Ein Fall, wo andre sich betrübten,Stört ihre Ruhe nie. Sie liebten,Und fühlten nicht des Lebens Müh.
Da ihn kein Eigensinn verführte,Und sie kein eitler Stolz regierte:So herrschte weder sie, noch er.Sie herrschten; aber bloß mit Bitten.Sie stritten; aber wenn sie stritten,Kam bloß ihr Streit aus Eintracht her.
So wie wir, eh wir uns vermählen,Uns unsre Fehler klug verhelen,Uns falsch aus Liebe hintergehn:So ließen sie auch in den ZeitenDer zärtlichsten VertraulichkeitenSich nie die kleinsten Fehler sehn.
Der letzte Tag in ihrem Bunde,Der letzte Kuß von ihrem MundeNahm, wie der erste, sie noch ein.Sie starben. Wenn? – – Wie kannst du fragen?Acht Tage nach den Hochzeittagen;Sonst würden dieß nur Fabeln seyn.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Sämmtliche Schriften. 1. Theil: Fabeln und Erzählungen, Zweytes Buch. S. 135-136, 1. Auflage, M. G. Weidmanns Erben und Reich und Caspar Fritsch, Leipzig, 1769
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die glückliche Ehe“, Fassung 4.602.724 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Christian Fürchtegott Gellert starb 1769; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1839 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118538322 der Deutschen Nationalbibliothek.
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