Die Nachtigall und der Kukuk
Christian Fürchtegott Gellert · 1715–1769
27 Zeilen in 2 Strophen · zuerst gedruckt 1769
Die Nachtigall sang einst ihr göttliches Gedicht,Zu sehn, ob es die Menschen fühlten.Die Knaben, die im Thale spielten,Die spielten fort und hörten nicht.Indem ließ sich der Kukuk lustig hören,Und er erhielt ein freudig Ach!Die Knaben lachten laut, und machten ihm zu EhrenDas schöne Kukuk zehnmal nach.Hörst du? sprach er zu Philomelen,Den Herren fall ich recht ins Ohr.Ich denk, es wird mir nicht viel fehlen,Sie ziehn mein Lied dem Deinen vor.
Drauf kam Damöt mit seiner Schöne.Der Kukuk schrie sein Lied. Sie giengen stolz vorbey.Nun sang die Meisterinn der zauberischen TöneVor dem Damöt und seiner Schöne,In einer sanften Melodey.Sie fühlten die Gewalt der Lieder.Damöt steht still und Phyllis setzt sich nieder,Und hört ihr ehrerbietig zu.Ihr zärtlich Blut fängt an zu wallen;Ihr Auge läßt vergnügte Zähren fallen.O, rief die Nachtigall, da, Schwätzer, lerne du,Was man erhält, wenn man den Klugen singt.Der Ausbruch einer stummen ZähreBringt Nachtigallen weit mehr Ehre,Als dir der laute Beifall bringt.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Sämmtliche Schriften. 1. Theil: Fabeln und Erzählungen, Zweytes Buch. S. 224, 1. Auflage, M. G. Weidmanns Erben und Reich und Caspar Fritsch, Leipzig, 1769
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Nachtigall und der Kukuk“, Fassung 4.602.939 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Christian Fürchtegott Gellert starb 1769; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1839 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118538322 der Deutschen Nationalbibliothek.
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