Die Lerche
Christian Fürchtegott Gellert · 1715–1769
21 Zeilen in 2 Strophen · zuerst gedruckt 1769
Die Lerche, die zu Damons Freuden,Frey im Gemach, ihr Lied oft sang,Und ungewohnt, den Wiederhall zu leiden,Der aus dem nahen Zimmer drang,Mit desto stärkrer Stimme sang;Saß itzt dem Spiegel gegenüber,Und sang, und sah ihr eignes Bild,Und floß, mit Eifersucht erfüllt,Von schmetternden Gesängen über;Und bildete, zu ihrer Pein,An ihrem eignen WiederscheinSich einen Nebenbuhler ein.
Noch oft erhöhte sie die Stimme;Allein umsonst war Kunst und Müh,Stets sang der Wiederhall, wie sie.Sie schoß darauf mit ehrsuchtsvollem GrimmeAuf ihren Nebenbuhler zu,Den ihr der Spiegel vorgelogen,Und starb, sich selbst zu sehr gewogen,Fast so, Ruhmsüchtiger, wie du;Durch Eitelkeit und durch ein Nichts betrogen.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Sämmtliche Schriften. 1. Theil: Fabeln und Erzählungen, Drittes Buch. S. 273, 1. Auflage, M. G. Weidmanns Erben und Reich und Caspar Fritsch, Leipzig, 1769
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Lerche (Gellert)“, Fassung 4.675.258 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Christian Fürchtegott Gellert starb 1769; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1839 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118538322 der Deutschen Nationalbibliothek.
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