Zum Inhalt springen
Versbuch

Die junge Ente

Christian Fürchtegott Gellert · 17151769

32 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1769

Die Henne führt der Jungen Schaar,Worunter auch ein Entchen war,Das sie zugleich mit ausgebrütet.Der Zug soll in den Garten gehn;Die Alte giebts der Brut durch Locken zu verstehn;Und jedes folgt, sobald sie nur gebietet,Denn sie gebot mit Zärtlichkeit.

Die Ente wackelt mit; allein nicht gar zu weit.Sie sieht den Teich, den sie noch nicht gesehen,Sie läuft hinein, sie badet sich.Wie, kleines Thier! Du schwimmst? Wer lehrt es dich?Wer hieß dich in das Wasser gehen?Wirst du so jung das Schwimmen schon verstehen?

Die Henne läuft mit strumpfigtem GefiederDas Ufer zehnmal auf und nieder,Und will ihr Kind aus der Gefahr befreyn;Setzt zehnmal an, und fliegt doch nicht hinein;Denn die Natur heißt sie das Wasser scheun.Doch nichts erschreckt den Muth der Ente;Sie schwimmt beherzt in ihrem Elemente,Und fragt die Henne ganz erfreut,Warum sie denn so ängstlich schreyt?

Was dir Entsetzen bringt, bringt jenem oft Vergnügen;Der kann mit Lust zu Felde liegen,Und dich erschreckt der bloße Name, Held.Der schwimmt beherzt auf offnen Meeren;Du zitterst schon auf angebundnen Fähren,Und siehst den Untergang der Welt.Befürchte nichts für dessen Leben,Der kühne Thaten unternimmt:Wen die Natur zu der Gefahr bestimmt,Dem hat sie auch den Muth zu der Gefahr gegeben.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Sämmtliche Schriften. 1. Theil: Fabeln und Erzählungen, Erstes Buch. S. 111-112, 1. Auflage, M. G. Weidmanns Erben und Reich und Caspar Fritsch, Leipzig, 1769
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die junge Ente“, Fassung 4.602.685 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Christian Fürchtegott Gellert starb 1769; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1839 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118538322 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Christian Fürchtegott Gellert

Alle Gedichte von Christian Fürchtegott Gellert ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Aufklärung

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.