Letzte Lieder
Ada Christen · 1844–1901
101 Zeilen in 30 Strophen · zuerst gedruckt 1870
I.
Schwarz und still in meinem Hirn,Schwarz und still in meiner Stube,Nur der Pendel meiner UhrHüpfet wie ein munt’rer Bube.Plötzlich zuckt auf Deinem Bild,Farblos, wie auf einem Grabe –Ein verirrter Mondenstrahl,Mahnt, daß ich noch Thränen habe.
II.
Ist es Friede, ist es Glück,Was durch meine Träume zieht,Unsichtbar, wie Blumenduft,Leise, wie ein Kindeslied?
Kehrt die Jugend mir zurück,Jene Sehnsucht, die mich mied,Seit des Lebens kalte LuftMich und meine Seele schied?
III.
Durch die dicht verhängten FensterDringt das dumpfe Wagenrollen,Und verscheucht die Nachtgespenster,Die im Traum mir nahen wollen.
Aber rauschend durch mein ZimmerWogt ein Meer von wirren Tönen,Und aus all’ dem SchmerzgewimmerHör’ ich meine Seele stöhnen!
Hör’ ich meine Seele weinen –Nicht um dieses Leibes Sterben –Doch es bangt ihr vor dem kleinen,Müden, einsamen Verderben.
IV.
Über meinem Lager hängt,Welk, bestaubt und abgestorben,Ein beflorter LorbeerkranzNeben Myrthen, längst verdorben.
Und in meinem FiebertraumSchaute ich sie wieder blühen –Und mich selber jugendfreudigUnter ihrem Duft erglühen.
Aber ach, das Fieber schwand.Welk, so wie mein eig’nes Leben,Schaue ich die Kränze dortNur an dünnen Fäden schweben.
V.
Der alte Kampf ist ausgekämpft;Weit hinter mir liegt jede Qual,Es fiel in meines Lebens FrostDer erste warme Sonnenstrahl.
Weit hinter mir liegt Groll und LeidDurch milde Thränen aufgethaut.Mein Auge hat zum ersten MalDie Wahrheit und das Glück geschaut.
VI.
Leg’ auf mein Haupt, so fieberheiß,Die kühle weiche Hand,Mein brennend Antlitz wende leis’Und sachte hin zur Wand;
Es ist so schwer mein AugenliedDaß ich’s nicht heben kann,Und meine Lippe dürr’ und müd’O schaue mich nicht an! –
Wend’ sachte mein Gesicht zur Wand;Kann ich Dich auch nicht seh’n,Fühl’ ich doch Deine weiche HandUnd Deines Athem’s Weh’n.
VII.
Rasch durch das dunkle Zimmer huschtMein Vogel, traurig singend,Er will hinaus in’s Sonnenlicht,Er zwitschert schüchtern-dringend.
Flieg’ in die kalte fremde Welt,Flieg’ über Thal und Hügel,Du kleiner Vogel, hast ja heut’Noch ungebroch’ne Flügel. –
VIII.
Es pfeift der Wind sein frostig Lied,Und eiserstarrte TropfenWirft klirrend an die Scheiben er,Die Kranken wach zu klopfen.
Die alte Frau an meinem BettNickt müd’, in Schlaf versunken,Die Kohlen im Kamine sprüh’nBei jedem Windstoß Funken.
Aufhorchend knurrt der kleine Hund,Um ächzend fortzuträumen,Das Lampenlicht spielt flackernd rothMit der Tapete Bäumen.
Der nackten Göttin weißes BildLacht höhnisch auf mich nieder.Es pfeift der Wind – Gedanken zieh’n. –Ich find’ den Schlaf nicht wieder.
IX.
Leg’ Du mich in den Sarg hinein,Schließ Du den Deckel zu,Und hinter meinem Sarg allein,Geh’ Du – Niemand als Du.Den ich geliebt, und Leid’s gethanWarst Du – nur Du allein ....Komm’ nie zu meinem Grabe Mann,Ich will vergessen sein.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Aus der Asche. Neue Gedichte. Seite 79–87, Hoffmann & Campe, Hamburg, 1870
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Letzte Lieder“, Fassung 4.468.678 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Ada Christen starb 1901; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1971 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 119549263 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.