Ungeduld
Wilhelm Müller · 1794–1827
24 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1906
Ich schnitt' es gern in alle Rinden ein,Ich grüb' es gern in jeden Kieselstein,Ich möcht' es sä'n auf jedes frische BeetMit Kressensamen, der es schnell verräth,Auf jeden weißen Zettel möcht' ich's schreiben:Dein ist mein Herz, und soll es ewig bleiben.
Ich möcht' mir ziehen einen jungen Staar,Bis daß er spräch' die Worte rein und klar,Bis er sie spräch' mit meines Mundes Klang,Mit meines Herzens vollem, heißem Drang;Dann säng' er hell durch ihre Fensterscheiben:Dein ist mein Herz, und soll es ewig bleiben.
Den Morgenwinden möcht' ich's hauchen ein,Ich möcht' es säuseln durch den regen Hain;O, leuchtet' es aus jedem Blumenstern!Trüg' es der Duft zu ihr von nah und fern!Ihr Wogen, könnt ihr nichts als Räder treiben?Dein ist mein Herz, und soll es ewig bleiben.
Ich meint', es müßt' in meinen Augen stehn,Auf meinen Wangen müßt' man's brennen sehn,Zu lesen wär's auf meinem stummen Mund,Ein jeder Athemzug gäb's laut ihr kund;Und sie merkt nichts von all' dem bangen Treiben:Dein ist mein Herz, und soll es ewig bleiben.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Die schöne Müllerin, in: Gedichte von Wilhelm Müller. Vollständige kritische Ausgabe. S. 10, B. Behrs, Berlin, 1906
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Ungeduld“, Fassung 2.205.184 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Wilhelm Müller starb 1827; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1897 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11858524X der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.