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Versbuch

An die Freiheit.

Wilhelm Hauff · 18021827

40 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1886

Was mir so leise einst die Brust durchbebte‚Als ich zuerst zum Frühling war erwacht,Was sich so hold in meine Träume webte,Ein lieblich Bild aus mancher Frühlingsnacht,Und was am Morgen klar noch in mir lebte,Was dann, zur lichten Flamme angefacht,Mit kühner Ahnung meine Seele füllte —Es wären nur der Täuschung Luftgebilde?

Was ich geschaut im großen Buch der Zeiten,Wenn ich der Völker Schicksal überlas,Was ich erkannt, wenn ich die SternenweitenDer Schöpfung mit dem trunk’nen Auge maß,Was ich gefühlt bei meines Volkes Leiden,Wenn sinnend ich am stillen Hügel saß —Ich fühlte es an meines Herzens Glühen:Es war kein Traumbild eitler Phantasien!

Du, stille Nacht, und du, o meine Laute!Nur euch, ihr Trauten, hab' ich es gesagt;Ertönt’s noch einmal, was ich euch vertraute,Erzählt’s dem Abendhauch, was ich geklagt.O sagt’s ihm, was ich fühlte, was ich schaute,Und was mein ahnend Herz zu hoffen wagt!O Freiheit, Freiheit! Dich hab’ ich gesungenUnd meiner Ahnung Lied hat dir geklungen!

Die müde Sonne ist hinabgegangen,Der Abendschein am Horizont zerrinnt;Doch du, o Freiheit, spielst um meine Wangen.Stiegst du hernieder mit dem Abendwind?Nach dir, nach dir ringt heißer mein Verlangen;Ich fühl’s, du schwebst um mich, so mild, so lind —O, weile hier, wirf ab die Adlerflügel!Du schweigst? Du meidest ewig Deutschlands Hügel?

Wohl lange ist’s, seit du so gerne wohntestBei unsern Ahnen in dem düstern Hain;Dünkt dir, wie gern du auf den Bergen throntest,Vom eis’gen Belt bis an den alten Rhein?Mit Eichenkränzen deine Söhne lohntest?Das schöne Land soll ganz vergessen sein?Noch denkst du sein: es wird dich wiedersehen,Wird auch dein Geist dann längst mein Grab umwehen.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Vorwärts, 1. Auflage, Verlag der Volksbuchhandlung in Hottingen, Zürich, 1886
Digitalisat
de.wikisource.org — „An die Freiheit“, Fassung 4.172.428 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Wilhelm Hauff starb 1827; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1897 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118546864 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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