Bildnis
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
23 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1918
Daß von dem verzichtenden Gesichtekeiner ihrer großen Schmerzen fiele,trägt sie langsam durch die Trauerspieleihrer Züge schönen welken Strauß,wild gebunden und schon beinah lose;manchmal fällt, wie eine Tuberose,ein verlornes Lächeln müd heraus.
Und sie geht gelassen drüber hin,müde, mit den schönen blinden Händen,welche wissen, daß sie es nicht fänden,
und sie sagt Erdichtetes, darinSchicksal schwankt, gewolltes, irgendeines,und sie gibt ihm ihrer Seele Sinn,daß es ausbricht wie ein Ungemeines:wie das Schreien eines Steines —
und sie läßt mit hochgehobnem Kinnalle diese Worte wieder fallen,ohne bleibend; denn nicht eins von allenist der wehen Wirklichkeit gemäß,ihrem einzigen Eigentum,das sie wie ein fußloses Gefäßhalten muß, hoch über ihren Ruhmund den Gang der Abende hinaus.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Der neuen Gedichte anderer Teil, S. 72, Insel-Verlag, Leipzig, 1918
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Bildnis“, Fassung 1.726.044 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
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