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Versbuch

Zeppelin-Spende

Kurt Tucholsky · 18901935

49 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 12. Januar 1926

Herrn Eckener dargewidmetHier ist ein wahrhaft deutscher Mann.

Spannt den Ballon für den Ozean an,und alle Leute mögen ihn leiden:so aufdringlich schlicht und so laut bescheiden …Es steigt sein Ruhm in die Höhe und weiter –Niemand gedenkt der Mitarbeiter.Es steigen die nationalsten Faxen –Niemand gedenkt der Angelsachsen,die den Flug immerhin zuerst unternommen.Und als er drüben angekommen,brüllt auf ein Volk; Es ist erreicht!Die Stammtischgehirne sind sanft erweicht.Ehrendoktor. Geschrei. Baldachin:„Zeppelin –! Zeppelin –!“

Das läßt den wahrhaften Deutschen nicht schlafen.

Aus dem nationalen Luftschiffhafenbittet er um milde Gaben.Weil wir sonst keine Sorgen haben:Der Nordpol! Er muß zum Nordpol fliegen!Deutschland liegt vorn! Und Deutschland muß siegen!Wer darf das bezahlen? Arbeiter. Kinder.Auch schwere Kriegsbeschädigte nicht minder,kurz: die Geld haben. Er wird führen,15 % Verwaltungsgebühren,Reklame auf Postkarten und Plakat,Direktoren, Briefbogen, Apparat …Stumm bleiben die Massen, auf dem Land, in Berlin:„Zeppelin …? Zeppelin …?“

Keinen Pfennig.Eine MillionMänner hungern seit Monaten schon,haben kein Geld für deine Taten,pfeifen auf Nordpol und Luftakrobaten;suchen sich hier das kleine Stücktrocken Brot und Arbeit, ihr bißchen Glück …Fahr immerzu!Pack ein! Pack einin deinen Ballon den ganzen Vereinder großmäuligen Militaristen,der Fememörder, Gerichtssadisten –Singt bei der Abfahrt brausende Lieder!Nimm sie mit und komm nie mehr wieder!Beglücke die Eskimos! Laufe Skiund begründe da eine Monarchie!Du bist nicht Deutschland. Du bist nicht der Staat.

Das ausgehungerte Proletariatsieht dich ohne Bedauern ziehn –Zeppelin –! Zeppelin –!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Die Weltbühne. Jahrgang 22, Nummer 2, Seite 51, Verlag der Weltbühne, Berlin, 12. Januar 1926
Digitalisat
de.wikisource.org — „Zeppelin-Spende“, Fassung 1.002.036 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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