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Versbuch

Lamento

Kurt Tucholsky · 18901935

34 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 23. November 1919

Von Theobald Tiger

Wenn ich bei meiner Marmeladenstulle(tief liegt im Schrank die teure Silkapulle) –wenn ich als weiser und gereifter Mannmir so den Weltenlauf genau betrachte,und wer und was den großen Brand entfachte –:kömmt mich ein tiefes Weh im Bauche an.Und alle meine innern Sinne singen:Du guter Götz! Du Götz von Berlichingen!

Da stehn am Königsplatz vor Zivilistendie Herren, die, in strammer Uniform,verknackten damals alle Pazifisten. –Was war der U-Boot-Krieg? „Na, janz enorm!“So lang enorm, bis alle Kräfte splittern.Und dennoch hörst du heut von diesen Ritterndas alte Lied genau so laut erklingen …Du guter Götz! Du Götz von Berlichingen!

Die Kohle fehlt. Die Arbeit stockt. Die Zügesind auf der offnen Strecke eingeschneit.Und doch – in dieser jämmerlichen Zeit –steht auf der fixe Agitator mit der Lüge.Ideen? Und Geist? I, nicht doch diese Töne!Es geht durchaus und nur um höhre Löhne –Wofür die Väter auf die Barrikaden gingen …Du guter Götz! Du Götz von Berlichingen!

Und doch, wenn alle dicken Stricke reißen –:Der Kientopp spielt. Die bessern Stücke heißenzum Beispiel: Schicksalsstunde im Bordell.Und: Julchen in dem Lebemannshotel.Es staunt das Volk. Da kann man noch was lernen.– – – – – – – – – – – – – – – –Mein Sang steigt auf zu fühllos kalten Sternen:Du lieber Gott! sag ich. Und dann, vor allen Dingen:Du guter Götz! Du Götz von Berlichingen!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Ulk Jahrgang 48. Nummer 47. Seite 206, Rudolf Mosse, Berlin, 23. November 1919
Digitalisat
de.wikisource.org — „Lamento“, Fassung 1.037.118 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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