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Versbuch

Der Humorist singt

Kurt Tucholsky · 18901935

49 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 5. März 1920

Von Theobald Tiger

Fährt in Berlin die Straßenbahn,dann ist sie proppenvoll.Was da mit dir, o Mensch, getanwird, das ist einfach doll.Man rüttelt dich,man schüttelt dich;man drängt dich soman engt dich so –In einen Wagen gehen glattzweihundert Menschen rein …Wer ihn früher nicht gesehen hat,der denkt, das muß so sein –!

New York sitzt an der Panke Strand.Es kauft uns arm der Gent.Er kriegt den ganzen Hektar Landfür sechseinhalben Cent.Die Börse winkt.Valuta sinkt.Wirf weg die Mark!Was soll der Quark!Am Abend steht im Tageblatt:„Der Geldwert ist so klein …“Wer ihn früher nicht gesehen hat,der denkt, das muß so sein –!

Am Tische sitzt Herr Helfferich.(Ab stehen seine Ohren.)Er schimpft und schilt gar fürchterlich,weil wir den Krieg verloren.Wie er enthülltund schneidig brüllt!Pfui Politikder Republik!„Die neuen Herrn sind mau und matt!“So hörst du laut ihn schrein …Wer ihn früher nicht gesehen hat,der denkt, das muß so sein –!

November Achtzehn schlug die Uhrzwölfmal in deutschen Landen.Die Nationalen hörtens nur,als sie im Nu verschwanden.Nun sind sie jaall wieder da.Es kam so weitim Lauf der Zeit.In jedem Dorf, in jeder Stadt,da pöbeln sie allein …Wer sie früher nicht gesehen hat,der denkt, das muß so sein –!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Ulk Jahrgang 49. Nummer 38. Seite 38, Rudolf Mosse, Berlin, 5. März 1920
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der Humorist singt“, Fassung 3.434.284 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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