Ausblick
Kurt Tucholsky · 1890–1935
34 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 24. Januar 1919
Von Theobald Tiger
Wenn ick mir so die Welt bekieke,besonders die am Pankefluß,den Straßenkampf mit Tanzmusike,den Schiebetrott des Spartakus …Lieg ich des Morgens still im Bettchen,und kommt Mama auf leisen Zehnmit unserm guten Morgenblättchen –:Ick trau mir jar nich hinzusehn!
Der Pole stiehlt zu günstigen Zeiten,in Rußland stiehlt der Bolschewik;es stiehlt sich trotz der großen Pleitennoch mancher in die Politik.Im Kriege sah man ihn verfechtendas „Siegen oder Untergehn“!Heut donnert er von Bürgerrechten –Ick trau mir jar nich hinzusehn!
Und wählt nicht auch die liebe Claire(längst ist die Süße zwanzig Jahr!)im großen deutschen Frauenheere?Wie dünkt mich dieses wunderbar!Was kümmert sie der ganze Bettel –sie fragt mich ängstlich: Wähl ich den?Und dann nimmt sie den falschen Zettel –Ick trau mir jar nich hinzusehn!
Und kurz und gut: Der ganze Rummelhängt aller Welt zum Halse raus.Sie schätzt den Schummel und den Bummelund zieht sich keine Lehre draus.Wir danken für des Aufruhrs Gaben!So mußt es in die Binsen gehn.Nur Arbeit füllt die leeren Waben!Und wenn wir das begriffen haben,trau ick mir wieder hinzusehn!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Ulk Jahrgang 48. Nummer 4. Seite 10, Rudolf Mosse, Berlin, 24. Januar 1919
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Ausblick (Tucholsky)“, Fassung 1.103.090 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.
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