Furcht
Karl Kraus · 1874–1936
28 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1920
Vor Tönen, Formen, halb erwachten Träumenwird mir im innern Herzen bang.Ich lebe in dem Untergangund wohne in bedrohten Räumen.
Nicht fürcht’ ich mich vor irdischen Gewitternund bin für jeden Donner taub.Doch zittert wo ein Espenlaub,so werde ich mit ihm erzittern.
Ich wahre vor Gefahren nicht mein Lebenund spotte ihrer Gegenwart.Doch wenn es an den Wänden knarrt,so kann ich wie ein Kind erbeben.
Ich fliehe nicht vor Räubern oder Reckenund spreche den Gewalten Hohn.Doch kann vor einem Menschentonich wie am jüngsten Tag erschrecken.
Mich faßt so bald kein ängstevolles Zaudernund hab’ der Feinde nie zu viel.Jedoch vor einem Mienenspielwird’s mich wie vor der Hölle schaudern.
Und solche Furcht erregt in mir den Dichterund ich erfülle die Figurund brauche etwas Asche nurfür die lebendigsten Gesichter.
Und so erwachse ich im Widerstreiten,und seit ich so den Mut verlor,gewannen Auge mir und Ohrdie Herrschaft in zerfallnen Zeiten.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Ausgewählte Gedichte, S. 51-52, Verlag der Schriften von Karl Kraus (Kurt Wolff), München, 1920
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Furcht (Kraus)“, Fassung 1.097.666 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Karl Kraus starb 1936; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2006 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118566288 der Deutschen Nationalbibliothek.
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