Zum Inhalt springen
Versbuch

An einen alten Lehrer

Karl Kraus · 18741936

52 Zeilen in 13 Strophen · zuerst gedruckt 1920

Da neulich sah ich wie in der JugendzeitDich weißen Hauptes, irgendwohin den BlickGerichtet nach einer Vokabel,Welche ein Schüler verloren hatte.

Ein andrer mußte, nicht auf den Ruf gefaßt,Eh er sich fassen konnte, sie fassen schon,Und war auch er es nicht imstande,Nanntest du es eine Seelenroheit.

Von strenger Milde war dieser Unterricht.Du guter Lehrer hattest den Schüler gern.Doch näher deinem reinen HerzenLag wohl das Wohl eines armen Wortes.

Latein und Deutsch: du hast sie mir beigebracht.Doch dank ich Deutsch dir, weil ich Latein gelernt.Wie wurde deutsch mir, als ich deinenLieben Ovidius lesen konnte!

Denn jenes wahrlich machte mir Schwierigkeit.Mir fehlten Worte, und es gelang mir nicht,Den Frühling, den ich erst erlebte,In einem Aufsatz auch zu beschreiben.

Ovid ja selber hätte es nicht vermocht,Und Goethe länger als eine Stund gebraucht –Wie sollte es ein Schulbub treffen,Wenn er nicht grade ein Journalist war?

Du guter Lehrer wußtest das nur zu gut.Du übtest Nachsicht und weil ich in LateinDoch vorzüglich bestanden hatte,Gabst du in Deutsch mir nicht nichtgenügend.

So kam ich durch und besserte später mich,Weil ich es fühlte, daß ich dir schuldig war,Im deutschen Aufsatz nach der SchuleDeinen Erwartungen zu entsprechen.

Hätt’ ich schon damals gleich zwischen acht und neunSo Deutsch geschrieben, wie zwischen zehn und elfLatein ich las, wär’ diese OdeDiese horazische nicht entstanden.

Nimm diese Fleißaufgabe als Jugendgruß.Denn du stehst milde heute wie einst vor mir.In Bild und Wort bist du mir nahe,Als ob ich heute noch vor dir säße.

Ich sehe dich, wie du mit der feinen HandDie Stirn dir streichst, die sorgende, als ob duEin krankes Wort betreuen müßtest —Heilige Pflicht vor profanen Zeugen.

Schneeweiß wie damals, neigend den Kopf, doch hochDen Sinn wie damals, traf ich dich auf dem WegZur Schule neulich und es war mir,Daß ich mit dir in die Schule ginge.

Wohin verlor sich, sag mir, dein Altersblick,Mir unverloren? Lehrest du immer nochVerlorner Gegenwart die Sprache?Folg mir und lasse die Klasse fallen!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Ausgewählte Gedichte, S. 34-36, Verlag der Schriften von Karl Kraus (Kurt Wolff), München, 1920
Digitalisat
de.wikisource.org — „An einen alten Lehrer (Kraus)“, Fassung 1.096.145 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Karl Kraus starb 1936; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2006 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118566288 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Karl Kraus

Alle Gedichte von Karl Kraus ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Moderne und Expressionismus

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.