Maler und Tierfreund
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
34 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1928
Ich hatte eine Landschaft in Öl gemalt,Und sie gefiel mir sehr:Ein blauer Himmel, aus dem die Sonne wie Wonne strahlt,Und darunter weites, ruhiges, grünes Meer.„Einsame Sehnsucht.“
Danach fuhr ich irgendwo hin,Um einen kleinen Affen zu erwerben,weil ich ein Tierfreund bin.Aber was einem die Tiere nicht alles verderben.
Wieder zu Haus, stieß ich aus einen Schrei,Denn mein Bild war verhext.Erstens hatte mein PapageiEtwas Groteskes ins Meer gekleckstUnd das geradezu künstlerisch kühn.Aber das Wasser selber war abgelecktVon meinem Wolfshund. Der lag vom Schweinfurter GrünVergifet am Boden, verreckt.
In den Himmel hatte sich eine Fliege geklebt,Und zwar mir dem Rücken.Die strampelte, wie man, wenn man Großes erlebt,Mit den Beinen strampelt vor lauter Entzücken.Und offenbar nicht minder beglücktIn ihrer NäheHing auch mein Laubfrosch ans Bild angedrücktUnd tat so, als ob er die Fliege nicht sähe.
Da wollte mein Affe mit lautem Geschrei – – –Doch ich band ihn fest. Und lächelte dann.Wie gut, daß man bei der ÖlmalereiAlles noch übermalen kann.
Mit Phantasie das Gegebne fixiert –Genie und Farbe und Lichter dick aufgetragen –Schwarz, Weiß, Rot, Ocker mutig darübergeschmiert – – –Ein schönes Bild, muß ich selber sagen,„Mein Selbstporträt.“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Allerdings. S. 39–40, 1. Auflage, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1928
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Maler und Tierfreund“, Fassung 3.026.796 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
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