Gewitter
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
30 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1923
Oben in den Wolken krachte der Donner.Am Ufer des Indischen Ozeans balzte ein Kind.Würde der Mond noch monder, die Sonne noch sonner,So würden die Menschen vielleicht noch drehlicher, als sie schon sind.
Tausend Menschen lachten und weinten;Sechs von dem Tausend wußten, warum;Zwei von den sechsen aber meintenVon sich selber, sie seien eigentlich dumm.
Breite Straße filmte mir vorbei,Links und rechts mit Lichtern und ReflexenFechtend und mit Worten und Geschrei.Helle Nacht ergoß sich brausend.
Und ich grüßte ehrfurchtsvoll die zwei,Und ich beugte staunend mich den sechsen,Kniete, echt und bettelnd, vor dem Tausend.
Vor dem Grand Hotel zu den Drei MohrenKreiste jämmerlich ein Hund und schiß.Nebenbei, von irgendwem verloren,Lag ein künstliches Gebiß.Doch ich räusperte und spie,Und ich rotzte,Bis ich einer weichen PhantasieWürdig trotzte.
Und zur gleichen Zeit mag ein Kommis(Elegante Kleidung – sauber – Schaf)Auf dem Teppich heiß gestammelt haben,Einer, der vom lieben Gott was wollte,Was das Hauptbuch und den nächsten Tag betraf;
Dachten andere an Schützengraben.
Denn der Donner grollte.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Turngedichte, Kurt Wolff Verlag, München, 1923
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Gewitter“, Fassung 3.778.892 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
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