Fallschirmsprung meiner Begleiterin
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
22 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1929
Wie sie den Fallschirm mir zeigt und erklärt,Kann ich nur halb zuhörn und zusehen.Ich muß daran denken, wie ganz verkehrtOft Frauen mit ihren Schirmen umgehen.Ich bin doch sonst kein solch Angstpeter.Aber nun – – Und nun sind wir so weit,Vielmehr so hoch. Etwa zweitausend Meter!Wir erheben uns. „Alles bereit?“Ich öffne die Türe.„Gott soll Sie erhaltenUnd Ihren seidenen Schirm entfalten.Ich schösse mich tot, wenn ich jemals erführe – –“
Mir graust.Das Frauenzimmer ist abgesaust.Ich blicke ihr nach. Einmal überschlägt sieSich, wird ein Punkt, dann ein Pünktchen, und, ach,Plötzlich ein sonnig blitzendes Dach,Und ich weiß: das Dach trägt sie.
Ich schließe die Türe und reiße die WatteAus meinen Ohren. Ich fühle mich freiUnd sicher. Und ärgre mich doch dabei,Weil sie mehr Schneid als ich hatte.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Flugzeuggedanken, 1. Auflage, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1929
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Fallschirmsprung meiner Begleiterin“, Fassung 3.780.227 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
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