Ein Freund erzählt mir
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
24 Zeilen in 2 Strophen · zuerst gedruckt 1929
„Ich sah auf der Wiese – Oskar ist Zeuge –Eine Dame sich aus der KniebeugeLangsam erhebenUnd vor ihr etwas wie Segeltuch schweben.Eine tausendköpfige Menge gafftNach dieser Lady in Hosen aus Loden.Dann, langsam, bläht sich das Segel und strafftSeine Taue. Die ziehen die Dame vom Boden.Und hoch in die Wolken. Grotesk anzuschauen.Das Weib schwebt unter dem Schirm an den Tauen.Dann schließt sich der Schirm, aber trägt dennoch sieHöher und höher, man weiß gar nicht, wie.Dann zeigt sich ein Flugzeug. Die Tür der KabineSteht offen, und aus der Öffnung siehtEin Mann mit einer Ringelnatzmiene.(Es gibt doch wahrhaftig nicht viel solcher Nasen!)Und wieder plötzlich – nein, alles geschiehtGanz langsam - also unplötzlich neigtDer Schirm sich nach unten. Die Dame steigtFußoberst weiter. Und solchermaßen,Im Bogen, schweben der Schirm und die DameIns Flugzeug hinein. Und sie oder du,Einer von euch schlägt die Türe zu.“
Film. Rückwärts gedrehte Zeitlupenaufnahme.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Flugzeuggedanken, 1. Auflage, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1929
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Ein Freund erzählt mir“, Fassung 3.780.427 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.