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Versbuch

Der Gefangene

Erich Mühsam · 18781934

31 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1920

August 1919

Ich hab's mein Lebtag nicht gelernt,mich fremdem Zwang zu fügen.Jetzt haben sie mich einkasernt,von Heim und Weib und Werk entfernt.Doch ob sie mich erschlügen:Sich fügen heißt lügen!

Ich soll? Ich muß? — Doch will ich nichtnach jener Herrn Vergnügen.Ich tu nicht, was ein Fronvogt spricht.Rebellen kennen bessre Pflicht,als sich ins Joch zu fügen.Sich fügen heißt lügen!

Der Staat, der mir die Freiheit nahm,der folgt, mich zu betrügen,mir in den Kerker ohne Scham.Ich soll dem Paragraphenkrammich noch in Fesseln fügen.Sich fügen heißt lügen!

Stellt doch den Frevler an die Wand!So kann's euch wohl genügen.Denn eher dorre meine Hand,eh ich in Sklavenunverstandder Geißel mich sollt fügen.Sich fügen heißt lügen!

Doch bricht die Kette einst entzwei,darf ich in vollen Zügendie Sonne atmen — Tyrannei!Dann ruf ich's in das Volk: Sei frei!Verlern es, dich zu fügen!Sich fügen heißt lügen!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Brennende Erde. Verse eines Kämpfers, S. 82-83, Kurt Wolff Verlag, München, 1920
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der Gefangene (Mühsam)“, Fassung 3.780.208 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Erich Mühsam starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118584758 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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