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Versbuch

Notschrei einer allzu Braven

Lili Grün · 19041942

23 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1935

Ach, ich geh’ mir selber auf die Nerven,Weil ich gar so artig bin,Und voll unentwegter PflichterfüllungSteck ich stets in meiner Arbeit drin.

Niemals tu ich einen Schritt vom Wege,Nicht einmal in meinen Träumen hintergehMeinen Mann ich, und die Leute sagen,Daß man so was nur begeisternd finden kann[.]

Doch dies ew’ge SchulterklopfenFind’ ich unerträglich und gemein,Und ich fleh zum blauen Sommerhimmel:Herrgott, laß mich einmal anders sein!

Laß mich tolle Kapriolen schlagen,Laß mich lasterhafte Dinge sagen,Laß mit angeklebten WimpernMeine Aeuglein herzlos klimpern,Laß mich faul auf meinem Diwan liegen— Und in diesem Zeichen — Herrgott —Laß mich siegen!

Niemand kann sich selbst entrinnen,Brav bleibt brav und schlimm bleibt schlimm —Und die andern sind die Schlimmen —— Wenn ich noch so neidisch bin!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Prager Montagsblatt, 58. Jg., Nr. 25, 24. Juni 1935, S. 8, Prag, 1935
Digitalisat
de.wikisource.org — „Notschrei einer allzu Braven“, Fassung 4.164.198 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Lili Grün starb 1942; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2012 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 126449090 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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