Stapfen
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
34 Zeilen · zuerst gedruckt 1882
In jungen Jahren war’s. Ich brachte dichZurück ins Nachbarhaus, wo du zu Gast,Durch das Gehölz. Der Nebel rieselte,Du zogst des Reisekleids Capuze vorUnd blicktest traulich mit verhüllter Stirn.Naß ward der Pfad. Die Sohlen prägten sichDem feuchten Waldesboden deutlich ein,Die wandernden. Du schrittest auf dem Bord,Von deiner Reise sprechend. Eine noch,Die läng’re, folge drauf, so sagtest du.Dann scherzten wir, der nahen Trennung klugDas Angesicht verhüllend, und du schiedst,Dort wo der First sich über Ulmen hebt.Ich ging denselben Pfad gemach zurück,Leis schwelgend noch in deiner Lieblichkeit,In deiner wilden Scheu, und wohlgemuthVertrauend auf ein baldig Wiedersehn.Vergnüglich schlendernd, sah ich auf dem RainDen Umriß deiner Sohlen deutlich nochDem feuchten Waldesboden eingeprägt,Die kleinste Spur von dir, die flüchtigste,Und doch dein Wesen: wandernd, reisehaft,Schlank, rein, walddunkel, aber o wie süß!Die Stapfen schritten jetzt entgegen demZurück dieselbe Strecke Wandernden:Aus deinen Stapfen hobst du dich emporVor meinem innern Auge. Deinen WuchsErblickt’ ich mit des Busens zartem Bug.Vorüber gingst du, eine Traumgestalt.Die Stapfen wurden jetzt undeutlicher,Vom Regen halb gelöscht, der stärker fiel.Da überschlich mich eine Traurigkeit:Fast unter meinem Blick verwischten sichDie Spuren deines letzten Gangs mit mir.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 166-167, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Stapfen“, Fassung 2.086.298 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
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