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Versbuch

Die beiden Schwalben

Christian Fürchtegott Gellert · 17151769

39 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1769

Zwo Schwalben sangen um die Wette,Und sangen mit dem größten Fleiß;Doch wenn die eine schrie, daß sie den Vorzug hätte,Gab doch die andre sich den Preis.Die Lerche kömmt. Sie soll den Streit entscheiden;Und beide stimmen herzhaft an.Nun, hieß es: sprich, wer von uns beidenAm meisterlichsten singen kann?Das weis ich nicht, sprach sie bescheiden,Und sah sie ganz mitleidig an,Und wollte sich nach ihrer Höhe schwingen.Doch nein, sie suchten ihr den Ausspruch abzuzwingen.So, sprach sie, will ichs denn gestehn:Die kann so gut, wie jene, singen,Doch singt, so lang ihr wollt, es singt doch keine schön.Hört man das Lied geistreicher Nachtigallen:So kann uns eures nicht gefallen.

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Ihr mittelmäßigen Scribenten,O! wenn wir euch doch friedsam machen könnten!Ihr zankt, wer besser denkt? Laßt keinen Streit entstehn.Wir wollen keinen von euch kränken;Der eine kann so gut, wie jener denken;Doch keiner von euch denket schön.Ihr Schwätzer! zankt nicht um die GabenDer geistlichen Beredsamkeit.So lange wir Mosheime haben:So sehn wir ohne Schwierigkeit,Daß ihr beredte Kinder seyd.Zankt nicht um eure hohen Gaben,Ihr Gründlichen, o bleibt in Ruh!Du demonstrirst wie er, und er so fein, wie du;Allein so lange wir Leibnitze vor uns haben:So hört euch keine Seele zu.O! zankt nicht um des Phöbus Gaben,Reimreiche Sänger unsrer Zeit!Ihr alle reimt mit gleicher Fertigkeit;Allein so lange wir noch Hagedorne haben:So denkt man nicht daran, daß ihr zugegen seyd.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Sämmtliche Schriften. 1. Theil: Fabeln und Erzählungen, Zweytes Buch. S. 125-126, 1. Auflage, M. G. Weidmanns Erben und Reich und Caspar Fritsch, Leipzig, 1769
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die beiden Schwalben“, Fassung 4.596.821 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Christian Fürchtegott Gellert starb 1769; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1839 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118538322 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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